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talpasolutions – Wie ein Essener Startup den Bergbau digitalisiert

Der Bergbau im Ruhrgebiet ist bald Geschichte. Die Zeit der Bergbau-Gründer aber noch nicht! Im August 2016 starteten Sebastian-Friedrich Kowitz, Kai Meschede, Artem Zitzer und Philipp Lorenz talpasolutions. Das Essener Startup entwickelt eine Software, mit deren Hilfe Maschinen vernetzt, Daten erfasst und Erkenntnisse im Bereich der Optimierung der Maschinenleistungen gewonnen werden können. Im Mai dieses Jahres erhielt talpasolutions im Rahmen einer Seedrunde vom Gründerfonds Ruhr und dem High-Tech Gründerfonds 1,5 Millionen Euro. Eine weitere Runde ist für das kommende Jahr geplant. Aktuell beschäftigt das Essener Unternehmen 18 Mitarbeiter. Im Interview mit deutsche-startups.de sprechen die talpasolution über Sensordaten, Effizienzsteigerungen und Mettbrötchen.

(Dieses Interview ist erschienen auf www.deutsche-startups.de)

Ihr habt vor zwei Jahren eure Idee in die Tat umgesetzt. Was hat euch dazu bewegt?
Sebastian: Ehrlich gesagt, waren es zu Beginn eine Mischung aus Tatendrang etwas zu verändern und den Berufserfahrungen eines jungen enthusiastischen Ingenieurs in einer alten und traditionsbewussten Industrie. Ich habe für verschiedene internationale Unternehmen neben meinem Studium als technischer Consultant in der Bergbauindustrie gearbeitet und sie dabei unterstützt Maschinen effizienter einzusetzen und Prozesse zu optimieren. Dazu habe ich Sensordaten von verschiedenen Maschinen sowie prozessrelevante Informationen ausgewertet und Optimierungen in Form von seitenlange Berichten ausgearbeitet und beschrieben. Dabei muss man berücksichtigen, dass auch heute noch viel im Bergbau sehr analog funktioniert, besonders im Vergleich zu anderen Industrien.

Philipp: Im Bergbau können Unterbrechungen von Prozessen durch Maschinenausfälle oder Ineffizienzen den Unternehmen schnell sechsstellige Kosten verursachen. Aus diesem Grund haben wir uns überlegt, wie man die verschiedenen beteiligten Arbeiter und Ingenieure in den Bergwerken in ihren alltäglichen Workflows unterstützen kann, damit sie bessere und schnellere Entscheidungen treffen können. Mining operations sind komplexe Prozesse die viel Übersicht und eine gute Datengrundlage benötigen, um die richtigen Entscheidungen auf sich täglich ändernde Herausforderungen zu treffen.

Ist die Datengrundlage denn vorhanden?
Sebastian: Ja, denn die Maschinen verfügen über ein sogenanntes Steuersystem, welches die Funktionalität der Maschinen sicherstellt. Diese Daten gehen aber jeden Tag verloren. Das heißt, die Maschinen haben schon eine Vielzahl an Sensorik verbaut, aber die Daten werden gar nicht oder teilweise nur rudimentär ausgelesen und genutzt. Da haben wir unsere Chance gesehen und dachten uns, warum verbinden wir unsere Expertise aus dem Bereich der Maschinentechnik und Bergbauprozesse nicht mit den neuen Technologien, wie Data Science und Softwareentwicklung, um den Bergmann bei seiner alltäglichen Arbeit zu unterstützen.

War für euch von Anfang an klar, dass ihr das zu viert machen wollt?
Sebastian: Ja für uns war klar, dass wir 4 Gründer sein müssen, um alle notwendigen Kompetenzen abzudecken. Unsere Tätigkeiten sind komplex und bedürfen neben Kompetenzen im Bereich der Datenanalysen, auch Ingenieure die ein breites Wissen über die verwendeten Maschinen und Prozesse im Bergbau haben. Nicht zu vergessen und mega wichtig, Phil unser Organisator und heimlicher Happiness Manager kümmert sich nicht nur um das Office Management, sondern auch um HR, Finanzen und steuert unser Marketing Team. Ohne Phil könnte das ganze Team nicht ungestört und fokussiert arbeiten.

Wie kam es, dass ihr eine Marktlücke für euer Startup gefunden habt?
Philipp: Die immer größer werdende Masse an Daten, die von der Schwerindustrie, wie dem Bergbau, erzeugt werden, wartet noch immer auf die richtige Erfassung, Analyse und Nutzung, um von einem Teil der Multibillionen-Dollar-Gelegenheit des digitalen Wandels profitieren zu können. In allen Projektphasen, von der Planung bis zum Betrieb und der Wartung, sammelt die Schwerindustrie eine Fülle unterschiedlicher Daten, die von Sensoren, die in den Steuersystemen von Maschinen und Anlagen eingebettet sind sowie von Konstruktionszeichnungen, Planungssoftware und Projektsteuerungssystemen gesammelt werden. Unglücklicherweise wird zurzeit das große und vielfältige Datenvolumen nicht systematisch erfasst und analysiert, sondern versickert über verschiedene Stakeholder und Datensilos und geht so über den Lebenszyklus der Maschinen verloren.

Wie kann man sich das als Laie vorstellen?
Sebastian: Unser Geschäftsmodell basiert auf strategischen Partnerschaften mit wichtigen Unternehmen der Schwerindustrie, um Zugang zu großen Datenquellen, Branchenexpertise und installierten Maschineninventar zu erhalten. Dabei nutzen wir die Expertise unserer strategischen Partner, um Branchenherausforderungen zu identifizieren und relevante Lösungen zu entwickeln. Also Lösungen, die spezifische Problembereiche adressieren und neue datengetriebene Geschäftsmodelle und Umsatzquellen sowie operative Leistungssteigerungen ermöglichen. Dieser partnerschaftliche Ansatz bei der Entwicklung von Software stellt sicher, dass Anwendungen relevant sind und unseren Kunden einen messbaren Mehrwert bieten.

Welchen genauen Mehrwert bietet ihr?
Philipp: Unsere Plattform bietet zwei wesentliche Vorteile für Unternehmen der Schwerindustrie. Erstens, ein direkter Vorteil, durch den Unternehmen ihre Maschinen jetzt noch effizienter einsetzen können.

Und zweitens?
Philipp: Da die Plattform es den Geräteherstellern ermöglicht, neue Serviceangebote zu entwickeln, wie zum Beispiel verfeinerte Diagnose- und Reparaturlösungen, können Unternehmen nun über den gesamten Lebenszyklus ihrer Maschinen einen höheren Wert und eine längere Lebensdauer ihrer Maschinen erzielen. Unternehmen als Eigentümer von Maschinen und Anlagen profitieren von den Überwachungslösungen von talpasolutions, z.B. Performance-Monitoring, Asset-Benchmarking, Erinnerung an Wartungszyklen, Planungseinblicke, z.B. Prognose von Betriebsstörungen, Ermittlung von Trends und Effizienzen, Optimierung von Prozessen und Anlagen, Verbesserung der Lieferkette, Maßnahmen zur Kraftstoffeinsparung und der Minimierung von ungeplanten Stillstandszeiten.

Das sind viele Vorteile. Könnt ihr ein Beispiel etwas genauer beschreiben?
Sebastian: Wir erstellten vergleichende Health Scores für die verschiedenen Maschinen und Anlagen des Kunden und sind so in der Lage, größere Systemausfälle vorherzusagen und die Maschinen- und Flottenverteilung sowie Wartung zu optimieren. Darüber hinaus kann die Plattform die Fehlerbehebungsteams des Kunden auf drohende Ausfälle aufmerksam machen und die Ursache des Problems identifizieren. Unsere Diagnosefunktion zeigt genau das defekte Maschinenteil an, das repariert bzw. ausgetauscht werden muss und spezifiziert die erforderlichen Werkzeuge und Ersatzteile.

Wie sahen eure ersten Schritte bei der Umsetzung der Idee aus?
Sebastian: Rückwirkend betrachtet sind wir wohl etwas blauäugig gestartet. Wir hatten alle noch nicht viel Erfahrung im Aufbau und der Leitung eines Unternehmens. Vielmehr hatten wir Kundenvorstellungen und -wünsche, eine grobe Umsetzungsidee, viel Mut und Optimismus und einen großen Willen etwas zu erreichen. An erster Stelle stand natürlich zu validieren, ob unsere Produktidee auch so von der Industrie gewollt ist und ob unsere Annahmen zum Markt stimmten. Allerdings fehlte uns zunächst ein breiter Zugang zu Daten. Um den Wert zu verdeutlichen, entschieden wir uns für die Entwicklung einer Plattform, die auf der Basis eines eingeschränkten Datensatzes konfiguriert wurde, um ihre Wirksamkeit zu demonstrieren. Als diese erste Version des Produkts auf einem eingeschränkten Datenbestand einer unserer Folge-Kunden angewandt wurde, zeigte sie sofort ihr Optimierungs- und Scale-up-Potenzial auf und lieferte den Beweis für den Wert, den unser Kunde für die Formalisierung einer Partnerschaft anstrebte. Dazu haben wir uns sehr früh Early-Adopters gesucht, die uns begrenzte Datensätze zur Verfügung gestellt haben und wir ihnen gezeigt haben, was wir damit machen können. Denn wir haben die Erfahrung gemacht, dass nichts besser ist als ein Prototyp, der zukünftigen Kunden hilft unsere Produktidee zu erfassen. Powerpoints mit Konzepten sind nicht fassbar und nur schwer zu verstehen und können die Wirksamkeit für die jeweiligen Kunden nicht richtig demonstrieren.

Das ist wohl wahr. Was habt ihr dann gemacht, um voranzukommen?
Philipp: Für die Entwicklung des Unternehmens haben wir uns dann von der ersten Minute an mit Mentoren umgeben, die uns auf dem Weg von der Idee zum Produkt begleitet und unterstützt haben. Auch heute in der Wachstumsphase sind Mentoren ein wichtiger Bestandteil für unsere Entwicklungen. Wir können von den „alten Hasen“ in vielen Belangen, wie Markterfahrung und dem Aufbau eines Unternehmens profitieren. Nachdem wir unsere ersten Lösungen und Partnerschaften mit den unseren Kunden eingegangen sind, haben wir uns auf Kapitalsuche begeben, um verlässliche Partner für das weitere Wachstum zu gewinnen. In dem ganzen Prozess haben wir auch viel Unterstützung von öffentlichen kommunalen und europäischen Einrichtungen erhalten. Dies war insbesondere für die Identifizierung von Early Adopters eine gute Unterstützung, aber auch zur weiteren Vernetzung innerhalb der Bergbauindustrie.

An welche Hürden könnt ihr euch erinnern?
Philipp: Eine frühe Hürde für uns war es, die Vorbehalte konservativer Branchen, insbesondere der Schwerindustrie, zu überwinden. Viele Unternehmen erkannten den Mehrwert der Integration von Datenanalysen in ihre bestehenden Geschäftsmodelle und -abläufe nicht oder wollten es nicht. Außerdem befürchten viele, dass große Datenlösungen Änderungen am Prozess und an der IT-Einrichtung erfordern, was zu enormen Kosten, Betriebsunterbrechungen und Systemunzuverlässigkeiten führt. Ein wichtiger Teil unserer Strategie ist es, dem Markt zu vermitteln, wie die Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung in einem Unternehmen identifiziert und aufgezeigt werden können, sowie Führungskräfte dabei zu unterstützen, wie diese Effizienzsteigerungen durch Datenanalysen realisiert werden können. Vielfach ist es eine Sisyphusarbeit den meist etablierten Unternehmen die Vorteile der Datenanalyse für zukünftige Marktentwicklungen vorzustellen und verständlich zu machen.

Wie habt ihr die Unternehmen überzeugen können?
Sebastian: Der partnerschaftliche Ansatz ist für beide Seiten vorteilhaft, da Branchenführer schnell innovativ agieren können, ohne massive Kapazitäten in Nicht-Kernkompetenzen wie Datenwissenschaft und Softwareentwicklung aufbauen zu müssen. Das Ergebnis sind enorme Einsparungen an Entwicklungszeit und Ressourcen für die Partner von talpasolutions und eine Software-Plattform, die einen messbaren Mehrwert für Partner und deren Endkunden bietet. Zu den zusätzlichen Vorteilen des Partnerschaftsansatzes gehört der Zugriff auf Daten. Machine Learning Algorithmen basieren auf dem Zugriff auf große Datenbestände. Dieser Zugang ermöglicht es uns, die Qualität und Genauigkeit im Laufe der Zeit zu verbessern. Je mehr die Plattform genutzt wird, desto robuster wird sie.

Was hat sich für euch durch die Gründung geändert?
Sebastian: Ein frischer Gründer sieht die Zukunft meist durch eine rosa-rote Brille, man glaubt die Welt im Sturm erobern zu können. Aber früher oder später, besonders in traditionellen Industrien, kommt die Erdung. Wenn die ersten Hürden auftreten darf man sich nicht entmutigen lassen und sollte eine grundoptimistische Haltung behalten. Wichtig ist an dieser Stelle überzeugt von seiner Idee zu bleiben, aufzustehen und weiter zu machen und dabei natürlich aus seinen Fehlern zu lernen und sich von Schwarzmalern fern zu halten.

Philipp: Für mich ist die größte Änderung besonders in den letzten Monaten aufgekommen. Wenn man ein schnelles Wachstum hinlegt und in wenigen Monaten sein Personal verdreifacht, geht das mit besonderen Veränderungen im Arbeitsalttag einher. Auf einmal hat man eine kleine Familie und jeder hat seine Sorgen, Ideen und will sich auf seine Art einbringen. Das birgt häufig ganz neue Dynamiken und Herausforderungen, denen man sich sofort annehmen sollte.

Was würdet ihr Neugründern und neuen Startups heute mit auf den Weg geben?
Philipp: Ich denke das wichtigste was wir gelernt haben ist, agiere datengetrieben und fokussiere dich auf wenige KPI. Viele Gründer die wir kennengelernt haben neigen dazu, ihr Unternehmen „auf Sicht“ zu entwickeln. Insbesondere zu Beginn der Gründung steht das Bauchgefühl als Entscheidungsgrundlage im Mittelpunkt. Um möglichst vorausschauend zu agieren und den langfristigen Erfolg seiner Unternehmung sicherzustellen sollten man frühzeitig KPIs und gesammelte Erfahrungen als Benchmark für die weiteren Prozesse nutzen. Aus diesem Grund haben wir auch früh in unserem Team im “Friday Wrap-up“ die Frage für alle Teammitglieder eingeführt, was ist das größte oder wichtigste Learning der Woche. So haben alle im Team die Möglichkeit zu reflektieren und vergangene Entscheidungen zu hinterfragen. Für zukünftige Entscheidung hilft die Auseinandersetzung mit den eigenen Learnings nicht den selben Fehler zu wiederholen, sondern bessere und fundierte Entscheidungen zu treffen.

Gab es noch mehr Aha-Momente?
Sebastian: Ja. Wir haben zusätzlich die Erfahrung gemacht, dass Beharrlichkeit siegt! Gründer müssen Besessene sein und sehr stark von Ihrer Idee überzeugt sein, um sie gegen alle Widerstände durchzusetzen und sich dabei bewusst sein, dass er einerseits einen sehr ausgeprägten Pragmatismus und Optimismus mitbringen muss und anderseits jederzeit die Bereitschaft haben muss an sich zu wachsen, indem er aus jedem seiner Schritte lernt!

Seht ihr Standortvorteile für Startups im Ruhrgebiet?
Philipp: Klar, hier gibt es günstige Mieten und eine super Infrastruktur. Auch hat das Ruhrgebiet viele Universitäten und Fachhochschulen mit viel motiviertem Nachwuchs. Vielleicht ähnliche strukturelle Verhältnisse wie in Berlin zum Beginn des Startup-Booms. Das Ruhrgebiet ist spannend und divers – hier hast Du von allem etwas! Ich hatte meine Vorbehalte, als ich mich vor ein paar Jahren entschieden habe von Amsterdam nach Essen zu ziehen. Das Ruhrgebiet habe ich mittlerweile mit all seinen Ecken und Kanten lieben gelernt.

Sebastian: Ecken und Kanten – gutes Stichwort. Ich denke neben den offensichtlichen strukturellen Vorteilen gibt es hier im Ruhrgebiet eine sehr interessante Kultur. Im Pott ist vieles geerdet und hier werden klare Worte gesprochen – meist auch sehr direkt. Ohne Berlin zu nahe zu treten zu wollen – im Pott gibt es anstatt, Bio-Sandwiches und Fritz-Cola, Mettbrötchen und Bier!

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